
SEIT JAHRZEHNTEN WIRD üBER SEX IM WELTRAUM SPEKULIERT – DOCH NICHT NUR DIE SCHWERELOSIGKEIT MACHT PROBLEME
Liebe unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit – muss die Freiheit da nicht grenzenlos sein? Als erster hat sich der französische Autor Pierre Boulle damit beschäftigt. Er beschrieb schon1953 die Probleme eines Paares,beim Akt im All nicht ständig aneinander vorbeizuschweben. Man entschied den Sex bis nach der Rückkehr zu verschieben, was sich als sehr realistische Schilderung herausstellte.
Zum ersten Mal startete 1982 ein gemischt geschlechtliches Team im sowjetischen Baikonur zur Raumstation Salu 7. Die erste Amerikanerin flog 1983 im Space Shuttle “Challenger” zu einer Raumstation. Seither sind immer wieder gemischt geschlechtliche Teams zur “Mir” oder der “ISS” geflogen. Nun interessiert es nicht nur Anhänger von Sience-Fiction-Literatur, “War da was?”.
Funktioniert schwereloser Sex überhaupt?
Die Befruchtung einer Eizelle könnte sogar funktionieren, daber viel schwieriger ist der Weg dort hin. „Das Blut wird durch die fehlende Gravitation vom Herzen in den Oberkörper gepresst und fehlt somit im Penis eines Raumfahrers, um diesem die nötige Steife zu geben“, diagnostiziert der russische Weltraummediziner Sergej Kutusow. Zudem wird der Geschlechtsakt selbst zum Problem: Jede Bewegung lässt das Paar durch den Raum trudeln, das Ziel der Begierde verfehlen und schlimmstenfalls mit scharfkantigen Dingen kollidieren. „Man hat keine Zugkraft und stößt ständig gegen die Wände“, so die Biologin Athena Andreadis von der Universität von Massachusetts.
Kam es schon zu Sex im Weltraum?
Offiziell: nein, inoffiziell: vielleicht. Allerdings sind die meisten Gerüchte darüber blanker Unsinn. Als Swetlana Sawizkaja im August 1982 an Bord von Salut 7 kam, schrieb der „Spiegel“: „Sex war der einzige Grund, aus dem die Kosmonautin ihre beiden Kollegen besuchte.“ Tatsächlich fürchtete Stationschef Anatoli Beresowoi, eine Frau würde Unglück bringen. Sawizkaja und Crewmitglied Alexander Serebrow hätten sich verhalten wie Hund und Katze, berichtet er.
Zwei weitere Kandidaten sind Waleri Poljakow, der Mitte der 1990er Jahre 14 Monate auf der Station „Mir“ verbrachte, und Jelena Kondakowa. Bereits während des Fluges berichteten griechische Zeitungen, beide seien miteinander intim geworden. Nach neueren Forschungen kam es in Wirklichkeit zu schweren Konflikten und beide sprachen an Bord eine ganze Weile nicht miteinander. Poljakow selbst sagte dazu, der Geschlechtstrieb lasse im Weltraum nach und das eigentliche Problem bestünde darin, ihn vor der Landung rechtzeitig wieder anzufachen – dazu würden kurz vor der Rückkehr Pornofilme an die Besatzung verteilt.
INTERVIEW mit Oliver Opatz
Andere Dinge im Kopf
Oliver Opatz arbeitet am Zentrum für Weltraummedizin der Berliner Charité. Über die erotischen Seiten der Raumfahrt sprach mit ihm Klaus Stark.
MAZ: Ist Sex im Weltall überhaupt möglich?
Oliver Opatz: Möglich ist das definitiv. Geschlechtsverkehr ist an sich nicht abhängig von der Schwerkraft. Sogar der Transport des Samens zur Eizelle würde in der Schwerelosigkeit wohl problemlos funktionieren.
Aber macht Sex dort Spaß?
Opatz: In der Schwerelosigkeit wäre wohl die Verletzungsgefahr erheblich, weil man sich beim Schweben im Raumschiff leicht verletzen könnte. Es ist auch fraglich, ob angesichts der harten Lebensbedingungen überhaupt Lust aufkommt. Viele Astronauten leiden unter Übelkeit, Hitzeempfindungen oder Schlaflosigkeit.
Wäre es denkbar, dass eine Astronautin auf der Reise zum Mars schwanger wird?
Opatz: Im Vordergrund steht eine möglichst sichere Reise, dabei wäre das wohl eher eine Art Unglücksfall. Das Risiko eines Fruchtabgangs und von Fehlbildungen wäre größer. Und es besteht die Gefahr, dass das Kind später mit den Bedingungen auf der Erde nicht zurechtkommt, also nicht lebensfähig wäre.
Aber bei einer gemischten Crew kann man doch nicht ausschließen, dass es während einer so langen Reise zum Mars zu Sex kommt?
Opatz: Schon ein Aufenthalt auf der Raumstation ISS ist so ähnlich wie ein Aufstieg auf den Mount Everest. Die Umweltbedingungen im All sind wirklich rau. Dazu kommt ein anspruchsvolles Arbeitsprogramm und der unbedingte Wunsch jedes Crewmitglieds, auf seiner Mission einen guten Job zu machen. Ich glaube, dass die Astronauten – zumindest im Moment noch – eher andere Dinge als Sex im Kopf haben.
Quelle:Märkische Allgemeine











